USA: Unkrautvernichter „Dicamba“ im Fokus!

Verfasst von: Martin Podlasly
Monsanto`s Lasso Herbicide (Bild: Unknown author [Public domain], via Wikimedia Commons, free to use)
Nach „Glyphosat“ und den damit zusammenhängenden Klagen steht dem Bayerkonzern, als neuem Eigentümer von „Monsanto“, nun weiterer Ärger bevor. Das von BASF und Monsanto seit dem Jahr 2016 in den USA eingesetzte genveränderte Saatgut ist zwar weitestgehend resistent gegen den Unkrautvernichter, doch ergeben sich augenscheinlich erheblich andere Problematiken bei der Anwendung. Führende Wissenschaftler warnen bereits seit Jahren und fordern Verbote!

Zwar ist der Einsatz von „Dicamba“ bereits seit Jahrzehnten gängige Praxis, doch bislang setzten US-Farmer das Mittel eher sparsam ein. Erst in den letzten zwei Jahren nahm die Nutzung des Herbizids extrem zu. Eigentlich hätte die US-amerikanische Umweltschutzbehörde „Environmental Protection Agency“ (EPA) für einen verhältnismäßigen, ökologischen Umgang mit der Chemikalie Sorge tragen müssen, doch anstatt zu Handeln oder wenigstens aufzuklären, verlängerte die Behörde die Anwendungslaufzeit des Produktes um weitere zwei Jahre. Durch die spezifische Luftübertragungseigenschaft von “Dicamba“, welches sich dann oftmals auf benachbarte Felder ablagert, kam es nun erneut zu Ernteausfällen von etlichen Millionen Dollar.

Betroffene machtlos

Im US-Bundesstaat Missouri standen betroffene Landwirte der Situation machtlos gegenüber. Auf ihren jahrelang ertragreichen Feldern mit Tomaten und anderen Sommerfrüchten, welche sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu genveränderten Sojaanpflanzungen befanden, wurden komplette Ernten zerstört. Auch wenn zahlreiche renommierte Wissenschaftler den erheblichen Einsatz von „Dicamba“ hierfür verantwortlich machten, standen die Betroffenen vor dem Nichts. Neue Gutachten bescheinigten, dass „Dicamba“ aufgrund der Verdunstungswirkung in der Luft noch meilenweit entfernte Felder und damit Kulturpflanzenernten vernichten kann. Die US-Behörde EPA ignorierte die Ergebnisse der wissenschaftlichen Studien und verwies stattdessen auf die neue Etikettierung des Produktes, welches ausreichende Informationen zu Anwendung und Schadensminimierung enthalte.

Weitere Brisanz beinhaltet der Vorgang, dass die EPA ihre Einschätzungen und Produktgenehmigungen ausschließlich auf „hauseigene“ Gutachten des Agrarchemieriesen „Monsanto & Co“ stützt. Unabhängige Wissenschaftler kommen in Bezug auf die Eigenschaften von „Dicamba“ zu gänzlich anderen Ergebnissen. Den Betroffenen im mittleren Westen und Süden des Landes nützt das wenig, auch wenn sich nun einige dazu entschlossen haben den Rechtsweg einzuschlagen. In der Vergangenheit wurde der Unkrautvernichter nur gemäßigt und fast ausschließlich bei Maisanpflanzungen eingesetzt. Im Zeitraum der Vegetationsperiode vermieden die Farmer auch auf Soja- oder Baumwollfeldern die Anwendung.

Massiver Einsatz

Unter der Obama-Administration wurden erste große Feldversuche im Umgang mit „Dicamba“ genehmigt, die zu ernsten Problematiken im Zusammenhang mit der Zerstörung von Kulturpflanzen führten. Zeitgleich entwickelte Monsanto neues genetisch modifiziertes Saatgut für Sojabohnen und Baumwolle. Die Regierung Trump stimmte dem großflächigen Einsatz von „Dicamba“ bedenkenlos zu. Allein der Verkauf des genveränderten Saatguts und des hierfür passenden Herbizids bescherten Monsanto (und damit Bayer) im letzten Jahr einen Umsatz von 3 Milliarden Dollar. Die von Monsanto seit dem Jahr 2012 aggressiv geschürte Werbekampagne für genetisch modifiziertes Saatgut, welches sich resistent gegenüber dem „Dicamba Unkrautkiller“ zeigt, trägt spätestens seit dem letzten Jahr erfolgreiche Früchte.

Nach Angaben des US-amerikanischen Landwirtschaftministeriums wurden rund 450.000 Kilogramm „Dicamba“ auf einer Fläche von 50 Millionen Hektar versprüht. Da nur neuere genveränderte Soja- und Baumwollpflanzen dem Unkrautvernichter widerstehen, wurden in 24 Bundesstaaten rund 5 Millionen Hektar herkömmlicher Sojabohnen sowie Baumwollpflanzen geschädigt. Über andere zerstörte Anpflanzungen, wie beispielsweise Tomaten oder Südfrüchte sind keine verlässlichen Zahlen bekannt geworden. Der Agrarökologe Professor David A. Mortensen von der University of New Hampshire ist einer der schärfsten Kritiker hinsichtlich einer neuerlichen Zulassung von „Dicamba“ und dem damit zusammenhängenden Einsatzgebiet bei entsprechend gentechnisch veränderten Saatgut.

Der Ökologie-und Ernährungsexperte sieht die Verantwortung im Besonderen bei der US-Behörde EPA, die es offensichtlich aufgrund der enormen Lobbyarbeit von Monsanto zuließ, dass der Einsatz des Herbizids großflächig ausgeweitet werden konnte, um so eine Vielzahl anderer Kulturpflanzen zu vernichten. Der Professor kennt die Eigenschaften der Chemikalie seit den 60er Jahren. Eine geringere Verdampfung und damit Verteilung des Produktes ist nur bei kälteren Temperaturen gegeben, weshalb der Unkrautkiller damals auch nur tendenziell im Winter und im Frühjahr zum Einsatz kam. Aber „Dicamba“ hat noch andere ungünstige Auswirkungen. So ist es sehr schwierig, das Herbizid rückstandslos aus Spritztankanlagen zu beseitigen.

Immer wieder traten so Fälle ein, dass Landwirte, die zuvor ihre Sojabohnenfelder mit „Dicamba“ behandelten ihre anderen Erntefelder, beispielsweise Mais, quasi selbst unbeabsichtigt vernichteten. Die Entwicklung des „Dicamba resistenten“ Saatguts geht aus einer Entdeckung des Biochemikers Donald Weeks hervor, der aus Bodenbakterien ein Gen entschlüsselte, welches Sojabohnen vor dem Einsatz des Herbizids schützen konnte. Dieses Gen meldete Weeks im Jahr 1997 zum Patent an und Monsanto betrieb zeitgleich die intensive Erforschung eines neuen Super-Saatgutes sowie eine Verringerung der Verdampfungseigenschaften von „Dicamba“. Im Jahr 2015, ein Jahr vor der weiteren Zulassung von „Dicamba“ zum Einsatz bei gentechnisch veränderten Pflanzen und der Entscheidung durch die EPA, änderte Monsanto seine Strategie.

Neue Marketingstrategie

In groß angelegten Werbekampagnen, den sozialen Medien sowie etlichen Zeitschriften, versprach der Konzern den Landwirten makellose Sojabohnen und Baumwollpflanzen, ertragreicher als jemals zuvor. Eine Marketingstrategie, die ihre Wirkung nicht verfehlen sollte. Professor Mortensen hatte seine jahrelangen Forschungen bezüglich der Wirkungsweise von „Dicamba“ inzwischen zusammengetragen und ausreichend Beweise für die unabschätzbaren Risiken beim Einsatz des Unkrautvernichters gesammelt. Diese Warnungen und Fakten übermittelte der Wissenschaftler noch im Jahr 2016 der EPA und forderte diese auf das Produkt nicht wieder zuzulassen. „Dicamba“ tötet aufgrund seiner Verdampfungseigenschaften wertvolle Kulturpflanzen, andere Ernten, nützliche Insektenarten wie beispielsweise Bienen und kann zu anderen weitreichenderen Schädigungen führen, so Mortensen.

Zudem fördert der übermäßige Einsatz eines spezifischen toxischen Mittels die Entwicklung von Organismen, die eine Resistenz dagegen aufbauen. Mortensen konnte der EPA bereits sechs Unkrautarten benennen, die eine solche Resistenzentwicklung aufzeigen würden. Die EPA vertraute aber der Kernaussage von Monsanto, dass eine Unkrautresistenzentwicklung gegenüber „Dicamba“ äußerst unwahrscheinlich sei. Ein Fehler! Bereits in der 90er Jahren hatte Monsanto eine derartige Argumentation gegenüber der Regulierungsbehörde verlauten lassen, als es um die Zulassung des Unkrautvernichters „Roundup“ ging. Auch seinerzeit gelang es Wissenschaftlern, relativ schnell einen Nachweis zu dokumentieren, dass sich trotz des Einsatzes von „Roundup“ resistente Unkräuter entwickeln konnten.

Als im Jahr 2017 viele Millionen Hektar Getreide dem Unkrautvernichter „Dicamba“ zum Opfer fielen, bildeten besorgte Wissenschaftler eine Art Sonderkomitee, um die EPA vor einer neuerlichen Fehleinschätzung zu bewahren. Die EPA reagierte, doch statt eines Verbotes von „Dicamba“ wurden lediglich neue „Sprühregelungen“ festgelegt und entsprechende Umetikettierungen des Produktes mit veränderten Anwendungshinweisen vorgenommen. Inzwischen wächst die Verunsicherung der Landwirte, und die Meinungen innerhalb der verschiedenen US-Bundesstaaten driften auseinander, nahezu genauso wie die verheerende Wirkungsweise des Chemiekillers selbst. Quellen: University of New Hampshire (Prof. David A. Mortensen), Environmental Protection Agency (EPA), CTO-Monsanto (Robert Fraley), Bayer Crop Science, Reuben Baris (EPA), Food and Environment Reporting Network, Reveal

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