Emergenz und Emergency

Verfasst von: Marion Wolters
In Vorträgen, Büchern, Magazinen, digitalen Medien stellt der Zeitgeist Selbstoptimierung äusserst negativ dar. Es ist die Rede von der Erziehung des Menschen zum Roboter, Ökonomisierung des Privaten bis hin zu neo-kapitalistischer Selbstausbeutung. Wie kommen die Autoren zu diesen Erkenntnissen? Welche Informationen führten dazu, Selbstoptimierung in diesem Licht zu betrachten? Nachfolgend der Versuch einer Analyse des Geschehenen und die Darstellung einer anderen Sichtweise.

Beginnen wir mit einem einfachen, charakteristischen Beispiel und beantworten, was Selbstorganisation ist: Nehmen wir einmal an, wir befinden uns in einem gerade neu von der Natur geschaffenen Zustand und die einzelnen Elemente bewegen sich frei und ungebunden im Raum. Wird dieser Zustand lange anhalten? Die naturwissenschaftlichen Gesetze lehren uns, dass die einzelnen Elemente sehr schnell in Wechselbeziehung treten und miteinander kommunizieren. Auf diese Weise schaffen sie ohne äußere Einflüsse eine spontane Selbstorganisation, die im Detail nur bedingt erklärbar und zudem völlig unkontrollierbar ist. Die Eigendynamik (siehe auch das neue Buch "Tiaré? Entrez!" der Autorin dieses Artikels) eines solchen Kollektivs hängt von den Eigenschaften und Fähigkeiten der einzelnen Elemente ab.

Je höher die Fähigkeiten des Einzelnen, desto wertvoller ist er für das Kollektiv, das dann auch in der Lage sein kann, komplexere Probleme zu lösen und innovativere Produkte als der Wettbewerb zu entwickeln. Selbstoptimierung definiert als Ausbildung der Fähigkeiten, um die eigene Leistung im Wirtschaftsleben zu verbessern, benötigt viel Zeit. Diese fehlt für Familie, Freunde und für sich selbst. Dies mag ein Grund für die negative Bewertung der Selbstoptimierung sein. Ein anderer liegt in der Annahme, dass der Mensch dadurch zum Industrieroboter ausgebildet wird, was seiner eigentlichen Bestimmung als Mensch nicht entspricht.

Diese Kritik findet man insbesondere im Bereich der Philosophie Erlernenden. Man kann Philosophisches Denken als Technik verstehen, die es Praktizierenden ermöglicht, selbstbestimmte persönliche Ziele besser zu erreichen. Ein Ziel mag sein, neue Denkweisen anwenden zu können. Wenn dies im Rahmen der effektiveren persönlichen Vermarktung geschieht, erzeugt dies vielfach Unverständnis, weil nur ein Teil des ganzen Bildes gesehen wird. Um die fehlenden Aspekte kennenzulernen, empfiehlt sich ein letzter Ausflug in die Naturwissenschaften: ein der Selbstorganisation verwandtes Thema, das man als Konzept sowohl in der Physik, Biologie, Psychologie und anderen Disziplinen findet, ist die Emergenz.

Das Auftauchen oder Herausbilden neuer Eigenschaften wird als Emergenz bezeichnet. Die Ideen, die im wechselseitigen Austausch einzelner Elemente entstehen verweisen darauf, dass das Ganze mehr ist als seine Teile. Übertragen auf Philosophisches Denken Erlernende kann es durch Emergenz geschehen, dass sie nicht nur lernen anders zu denken, sondern auch, wie man ein mentales Spielfeld verlassen kann, wenn es notwendig ist. Sich für sich selbst, privat und beruflich neu positionieren und verankern zu können, wenn der Notfall (engl. "emergency") es erfordert. Emergenz und emergency. Dies ist ein Beispiel, das Sie beliebig ersetzen können. Gibt es einen täglichen Überlebenskampf oder ist er eine Erfindung des Zeitgeistes?

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