Die Liebesgeschichte von Daphnis und Chloé getanzt vom Staatsballett

Verfasst von: Dipl. Päd. Selena Plaßmann
Mysterium der Nymphen
Mysterium der Nymphen  Bild: Selena Plaßmann
Longos, ein griechischer Redelehrer, befand sich jagend auf der ägäischen Insel Lesbos, als ihn im Heiligtum der Nymphen die malerische Darstellung einer Liebesgeschichte berührte. “Daphnis und Chloé“, eine Huldigung an die Schönheit der Natur, die Götter und Nymphen. Für die Menschen eine Fabel, die das Erwachen der Liebe samt ihren unlogischen und unerklärlichen Begleiterscheinungen erhellt. Für den französischen Choreographen Benjamin Millepied - ein Werk außerhalb der Zeit.

„Daphnis und Chloé ist eine der Schöpfungen, die in unsere Herzen fallen wie ein Komet, der von einem Planeten kommt, dessen Gesetze uns immer geheimnisvoll und verhüllt bleiben werden“ (Jean Cocteau). Die musikalische Komposition des französischen Komponisten Maurice Ravel „kann nur die Phantasie oder die Götter erfunden haben“ schreibt Millepied in seinen choreographischen Notizen. Der griechische Autor Longos gehörte zu den Sophisten, die als gefeierte Meister des Wortes und Künstler des Stils im dritten Jahrhundert als Wanderlehrer durchs Land zogen, um eine umfassendere Bildung als die im Schulunterricht gebotenen Unterweisungen zu lehren. Liebende sehnen sich nach zeitloser Verbundenheit. Ein Muster was sich durch die Jahrhunderte zieht.

Nostalgie (Bild: Selena Plaßmann)

Die Uraufführung war 1912 in Paris, von den legendären "Balletts Russes“, der ersten “Touring Compagnie“ des zwanzigsten Jahrhunderts, die mit ihrer virtuosen Tanz-Theatralität die Bühnen der Welt verzauberten. Ihr russischer Kulturmanager Sergej Diaghilew, ein Kenner stilistisch vollendeter Tanzkunst, war überzeugt von einer soliden klassischen Tanzausbildung für Tänzer und Choreographen, um das „Körperinstrument“ zum Klingen zu bringen. Interessiert an vergangenen Epochen und anderen Kulturen wurde er mit erlesenen künstlerischen Aktivitäten in Verbindung gebracht. Sein Choreograph Michail Fokine, inspiriert vom „Tanz der Zukunft“ der amerikanischen Tanzpionierin Isadora Duncan, ließ die Tänzer vor einer Grotte, die dem Hirtengott Pan geweiht war, in leichten Tuniken und Sandalen auftreten statt in Ballettkleidung. In einem lichtdurchfluteten Naturszenarium, was dem Form- und Liniengefühl des Jugendstils entsprach, entstand ein mythisches Griechenland, wie es sich französische Maler am Ende des 18. Jahrhunderts erträumten.

Liebesduett Daphnis und Chloé (Bild: Selena Plaßmann)

Benjamin Millepied, bekannt als Spitzensolist des New York City Balletts, Choreograph, sowie seiner tänzerischen Handschrift in dem Hollywood-Film „Black Swan“, hatte 2014 für die Ballettcompagnie der Pariser Oper eine moderne Version der antiken Liebesgeschichte choreographiert; “Daphnis und Chloé“ - ahnungslos und unerfahren in den Gefühlen, die Eros, der Gott der Liebe in ihnen entfachte wurden gewaltsam getrennt. Verstrickt in grausame Abenteuer, geraten sie in tiefe emotionale Abgründe bis ihre Liebe über Täuschungen erhaben ist und ihr Sehnen Erfüllung findet. Unter der Schirmherrschaft von Gott Eros, tanzte das Staatsballett Berlin die moderne Version “Daphnis und Chloé“ auf einem französischen Ballett-Doppelabend (Maillot/Millepied) in der deutschen Oper Berlin. Bei der Premiere wurde das Erwachen und die Süßigkeit der Sinnlichkeit vom Liebespaar Mikhail Kaniskin (Daphnis) und Elisa Carrillo Cabrera (Chloé) in liebevoller Hingabe vollendet getanzt.

Amouröses Duell (Bild: Selena Plaßmann)

Das Staatsballett Berlin, eine der außergewöhnlichsten und glänzendsten Ballettcompagnien der Welt, stand jahrelang unter der künstlerischen Leitung des russischen Tänzer und Choreographen Vladimir Malakhov. Seiner Überzeugung nach ist eine profunde klassische Technik unverzichtbare Basis für zeitgenössischen Tanz. „Wenn der Körper für Klassik vorbereitet ist, kann er alles tanzen“ (Malakhov). In der Hommage an die französische Tanzkunst lässt sich die klassische Tradition auf die Freiheit der Avantgarde ein. Die phantasievolle Tanzsprache der virtuosen zeitgenössischen Choreografen, denen der klassische Ballettkodex vertraut ist, wurde mit verspielter Sinnlichkeit und lyrischer Eleganz erwidert. “Altro Canto“ des künstlerischen Leiters des Balletts de Monte Carlo, Jean Christopher Maillot, kreist wie in der antiken Liebesgeschichte von “Daphnis und Chloé“ um die Unsterblichkeit wahrer Liebe und ihre sichtbaren Zeichen in der physischen Welt.

Altro Canto (Bild: Selena Plaßmann)

„Das Gewölbe der Kerzen, das den Schauplatz bildet, gibt ein sanftes Licht, das fast liturgisch ist. Es unterstreicht die Architektur des Körpers, markiert die Haltungen, Akzente, Zustände, Motive...“ (Maillot) In “Altro Canto“ wurde die vermeintliche Endlichkeit choreographisch in die Unendlichkeit einer höheren Dimension überführt. Die Symphonie von Claudio Monteverdi verführte Maillot dazu, seine Choreographie als Wissenschaft der Wahrnehmung zu verstehen, als einen Ort der Bewegung und des Übergangs. Die Androgynie wurde durch die Kostüme von Karl Lagerfeld untermalt, der schon in dem Kunstbuch “Daphnis und Chloé“ (Steidl Verlag) mit ästhetischen Photographien die Geschichte des aus dem Epos entwickelten Hirten- und Liebesromans, der die Zeitalter überdauert, in eine moderne Mythologie überführt hat. „Es ist noch niemand der Liebe entronnen, und es wird ihr keiner entgehen, solange es Schönheit gibt und Augen, die sehen.“ (Longos)

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