Der Berg der Wahrheit - Monte Verità

Verfasst von: Dipl. Päd. Selena Plaßmann
Debut
Debut  Bild: Selena Hildebrand
Es gibt eine geheimnisvolle Verbindung zwischen Wahrheit und Schönheit. Bis zu zweihundertfünfzig Meter über dem Lago Maggiore in der zauberhaften Schweizer Landschaft des Tessins erhebt sich der Monte Verità. Einst befand sich dort eine berühmte Lebensreformkolonie für Tänzer, Utopisten und Künstler. Ursprünglich hieß der Berg Monte Monescia, doch die Gründer Henri Oedenkoven, Sohn eines wohlhabenden Großindustriellen und Ida Hofmann Pianistin und Musiklehrerin verliebten sich ineinander...

Die Liebenden nannten den Berg Monte Verità. Ihr Anliegen war es, wahrhaftig zu leben und mit Gleichgesinnten neue Formen des Zusammenlebens zu erproben. Die Künstler suchten durch ihre Ästhetik an die Verbundenheit mit der Natur anzuknüpfen, um die negativen gesellschaftlichen Folgen des Kapitalismus zu überwinden. In der Kunst konnten die Widersprüche im Menschen dargestellt werden, seine Subjektivität erneuert und schöpferische Humanität sichtbar werden. Der Tanz fand in der freien Natur statt, ohne - einengende - Kleidung. In der Spontanität und performativen Kunst sollte der Körper Spiegel der Emotionen sein. Die Künstlergemeinschaft in Ascona wurde für viele Menschen während des ersten Weltkrieges zum Exil.

Monte Verità (Bild: Selena Hildebrand)

Den durch die industrielle Arbeit einseitigen Bewegungsgewohnheiten sollte mit tänzerischen Improvisationen entgegengewirkt werden und der Mensch seine Harmonie wiederfinden - ein generelles Anliegen der Reformbewegung. Die Verbundenheit zwischen Mensch und Natur, eine authentische Lebensweise sowie vegetarische Ernährung, wurden in das Lebenskonzept auf dem Monte Verità integriert. Der Tanz in Deutschland war um die Jahrhundertwende inspiriert von der Strömung des Expressionismus. Einer der wegweisenden expressionistischen Maler dieser Epoche, Emil Nolde, arbeitete zu dieser Zeit an seinem Werk Tanz um das goldene Kalb. Der Künstler erhebt sich über seine menschlichen Begrenzungen insofern, als er nicht einer vorgezeichneten Lebensbahn folgt, sondern sie ergänzt durch seine Träume und Visionen, die er aus sich selbst gestaltet.

Schiller schrieb in seinen ästhetischen Schriften, dass der Mensch dort, wo er spielt, wahrhaft ist. In Ascona kam die spielerische Komponente in der tänzerischen Darstellung zum Ausdruck. Sich vakant und unmaskiert dem Spiel hinzugeben kann emotional und überraschend sein. Unter der Regie des ungarischen Tänzers und Tanztheoretikers Rudolf von Laban wurden Choreographien zu Jahresfesten,- Reigen oder kultischen Tanzrituale über mehrere Tage zelebriert. Die Zuschauer wurden eingeladen, mitzuspielen oder die erhabenen Gedanken und Gefühle die zur Bildung der Choreographie geführt haben, nachzuempfinden. Im Tanz scheint die geheime Verbindung zwischen Wahrhaft und Schönheit lebendig zu sein. Bis hinein in jene Bereiche, in denen das gesprochene Wort versagt.

Freundschaftliche Kontakte wurden zu Künstlern der Art Nouveau gepflegt. Die mit einer romantischen Grundhaltung an der kunstvollen Verschönerung der Erscheinungen festhielten. Der Schriftsteller Hermann Hesse ließ sich auf dem Monte Verità durch Gespräche mit Künstlern verschiedenster Couleur, zu seinen Erzählungen inspirieren. In dem Buch von Georg Zivier über die Ausdruckstänzerin Mary Wigman, die erst Labans Schülerin war und später seine Mitarbeiterin wurde, - beschrieb der junge Tänzer Harald Kreutzberg Ascona verzückt mit den Worten: “ Dies ist ja eine veritable Tänzer-Landschaft - im milden Zephir des Lago-Maggiore-Ufers zu wandeln, wo im Schutze des Alpenriegels noch im November die Rosen blühen und Citrusfrüchte reifen.“

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