Moby Dick - Wussten Sie das über diesen Klassiker?

Verfasst von: Adina K. Haubner, BA
Moby Dick
Moby Dick  Bild: pixabay.com
„Im Grunde waren es zwei Bücher in einem – eine Seefahrtsgeschichte und ein waghalsiges metaphysisches Abenteuer -, und als das zweite das erste verschlang, verschlang es dieses ganz, so daß es unversehrt blieb wie Jonas im Bauch des Ungeheuers.“, schreibt Andrew Delbanco in seiner einsichtsvollen Biographie Melvilles.

Der heute weltberühmte Roman Moby Dick oder auch nur Der Wal genannt wurde im Jahre 1851 erstveröffentlicht. Melville widmete den Roman seinem Freund und Schriftstellerkollegen Nathaniel Hawthorne. Inhalt des Romans ist das bewegende Schicksal Ahabs, Kapitän der Pequod, welcher bei der Begegnung mit dem gefährlichen, riesenhaften Moby Dick sein Bein verlor und dem Wal Rache schwor. Von blindem Hass getrieben dirigiert er die Pequod durch die See, auf der Suche nach dem weißen Pottwal, um ihn zu töten. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive Ismaels, des einzigen Überlebenden dieser Odyssee, der als Walfänger auf der Pequod anheuert.

Die See hatte schon immer etwas Beruhigendes für Ismael, welcher, anstatt inneren Frieden zu finden, Zeuge des erbitterten Kampfes zwischen Mensch und Tier wird. Interessanterweise macht die Geschichte um Ahab und den weißen Wal nur einen vergleichsweise geringen Teil des Romans aus. Von den rund hundertvierzig Kapiteln des Werkes befassen sich vierzig mit den Personen, sechzig mit den Walen und die Restlichen mit dem Gefecht zwischen Ahab und dem sagenumwobenen Moby Dick. Es ist also keines Falls übertrieben zu behaupten, dass das Werk in seiner Ursprungsform eine gewisse einschüchternde Wirkung auf seine Leser zu haben vermag.

Sein Aufbau erscheint wirr und ungeordnet; stellenweise sogar willkürlich in der Entscheidungstreffung, wann Erläuterungen in lexikonhafter Manier und Fortsetzungen im Handlungsstrangs einander abwechseln. Diether Lauenstein formuliert es in „Das Geheimnis des Wals“ sehr treffend: „Wer Melvilles „Moby Dick“ gelesen hat, den wird unsere erzählende Betrachtung davor bewahren, in dessen Fülle zu ertrinken. Wer unser Büchlein zuerst liest – und das ist ruhig anzuraten -, der wird sich hernach gewiß in den Ozean des Romans stürzen.“ Melville verarbeitete in seinem Roman sowohl seine eignen, persönlichen Erlebnisse, während seiner Südseereise an Bord verschiedener Walfänger, sowie Ereignisse von denen er nur gehört hatte.

Wie die zahlreichen Berichte von Seeleuten über den mysteriösen, weißen Pottwalbullen Mocha Dick und den katastrophalen Untergang des Walfängers Essex, welcher am 20 November 1820 von einem 80 Tonnen schweren Pottwal mehrmals gerammt wurde. Genauso wie Melville es in seinem Roman beschreibt, hat der Pottwal, welcher die Essex derart gewalttätig attackierte, dass sie in den Tiefen des Pazifiks versank, ein völlig untypisches und aggressives Verhalten an den Tag gelegt, als er das Schiff mehrere Male zu rammen begann. Er griff nicht etwa mit seinen gefährlichen Kiefern oder gar mit seiner Schwanzflosse an, sondern mit seinem Kopf.

Dasselbe atypische Verhalten für einen Pottwal, der ein Schiff angreift, mit der offenkundigen Absicht es zu versenkten, schildert Melville als die Pequod untergeht und Kapitän Ahab vom weißen Wal mit in die Tiefe gerissen wird. Es wird angenommen, dass Melville die Tragödie der Essex aus, sozusagen, erster Hand erfuhr und zwar vom Sohn des Steuermanns der Essex, als Melville selbst auf einem Walfänger arbeitete. Eben dort wird Melville auch in Berührung mit den Legenden gekommen sein, die sich um Mocha Dick rankten. Einem besonders großen und gefährlichen Pottwal mit einer weißen Narbe auf dem Kopf, welcher viele Männer das Leben gekostet hatte, die den Versuche unternahmen ihn zu erlegen.

Ein Artikel aus dem New Yorker Knickerbocker Magazine aus dem Jahre 1846, welcher anhand eines Augenzeugenberichtes die letzte Auseinandersetzung Mocha Dicks mit seinen Jägern schildert, lässt einiges an Details verlautbaren, die man aus der Lektüre Moby Dicks wiedererkennt. Der Artikel befasst sich mit den zahllosen Booten die von seiner mächtigen Schwanzflosse zerschmettert und zwischen seinen Kiefern zermalmt worden sind und berichtet von dem einen Kampf des Wals mit den Besatzungen dreier englischer Walfänger, wo er, trotz seines Sieges wutentbrannt mit seiner Schwanzflosse nach dem letzten der sich zurückziehenden Boote schlug.

Ebenso wird über die Verletzungen geschriebenen, welche der Leviathan, wie er dort bezeichnet wird, sich im Laufe seiner unzähligen Schlachten zugezogen hat. Sein Rücken war von Harpunen gespickt und eine etwa hundert Yard lange Fangleine zog er mit ihnen hinter sich her. Der Grund für die außergewöhnlich vielen, verschiedenen Ausgaben, welche es von Moby Dick gibt, ist nun gelüftet. Zugegebenermaßen ist Moby Dick, nicht zuletzt durch die zahlreichen Abschweifungen von der eigentlichen Geschichte, hin zu religiös anmutenden Schilderungen und weiter zu Faktenansammlungen betreffend die unterschiedlichen Walarten, ein sehr anspruchsvoller Lesestoff.

Auch der Handlungsstrang der Geschichte selbst scheint sich auf seine Gattung nicht vollends festlegen zu wollen. Manchmal tritt die Schilderung eines Ereignisses an die Stelle des Ereignisses selbst und umgekehrt. Wie beispielsweise das Kapitel "Erste Nachtwache“, welches ohne jegliche Erklärung als Lied, Rede und Gegenrede der Wachhabenden konzipiert ist. Sehr wahrscheinlich durch die Tatsache bedingt, dass Moby Dick sich eben nicht wie ein typischer Abenteuerroman liest, war der anfängliche Erfolg von Melvilles Werk so gut wie nicht vorhanden. Denn erst in den 1920er Jahren sollte es passieren, dass Moby Dick in der Bibliothek der Yale University von der Cetologie, der Walkunde, zu den Klassikern „umgesiedelt“ wurde.

Zu seinen Lebzeiten hat Melville nichts mehr vom Erfolg seines Werkes miterlebt. Die Erstauflage seines Werkes erschien mit 3000 Exemplaren, von denen nur eine sehr geringe Anzahl verkauft wurde. Die restlichen Übriggebliebenen wurden bei einem Brand im Verlag im Jahre 1833 zur Gänze vernichtet. Rechnet man die Verkäufe in Britannien und Amerika zusammen, hat Melville zu seinen Lebzeiten mit seinem Meisterwerk nicht mehr als zehntausend Dollar verdient. Denn erst im zwanzigsten Jahrhundert sollte Melville in Amerika zur Ikone werden und es für alle Zeit bleiben.

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